2011-12-04

Nicht zu glauben, aber es ist bereits der zweite Advent

Lichter auf dem Prado (Hauptstrasse durch La Paz), Tannenbaeume in den Geschaeften und jede Menge riesige Kraenze an den Hausfronten. Es ist Weihnachtszeit- und das auch nicht zu knapp in La Paz. Auf dem Weg zur Arbeit im Auto "Last Christmas" von Wham! und die Kinder tragen auf einmal Weihnachtsmuetzen anstelle ihrer Pudelmuetzen mit Indianermuster. Doch wie sich hier offensichtlich eine Menge Menschen auf Weihnachten freuen, Geschenke kaufen und das Weihnachtsessen planen, bin ich noch nicht so richtig in der Stimmung. Es ist bereits der zweite Advent, aber ohne Ofen, dunkle, kalte Nachmittage und Adventskalender kann ich mich noch nicht darauf freuen. Am Tag laufe ich in Shorts und T-Shirt herum- mein inneres Zeitgefuehl sagt mir einfach Sommer und damit nicht Schnee, Weihnachten und Winter.
Doch am Mittwoch erhielt ich ein Paket. Damit kam dann schon, wenigstens fuer einen Moment ein bisschen Vorfreute auf. Ganz viel Schokolade und Marzipan, Raeucherkerzen, Weihnachtssocken, eine Tischdecke und jede Menge Dinge, um Plaetzchen zu backen. Das hat mich sehr, sehr gefreut! Vielen Dank Omi!


Weihnachtssocken auf unserem "Oldschool"-Radio im Flur


Tischdecke bei uns im Wohnzimmer
 Auf der anderen Seite habe ich aber auch gar nicht so das Problem damit. Was gibt es Schoeneres, als dass die Sonne scheint? :-)


Mit Dezember sind bereits drei Monate um, die ich hier in Bolivien verbracht habe. Dazu musste ich fuer meine Organisation eine Zwischenbericht schreiben. Also hier mal eine Einschaetzung meiner bisherigen Erfahrungen und noch ein bisschen was zu meiner Arbeit.

Um 20:00 Uhr treffe ich mit Fanni, einer anderen deutschen Freiwilligen, beim Plaza Estudiante im Stadtzentrum. Ich bin zu frueh da und warte auf der Mauer eines Springbrunnens. Mir gegenueber sitzt eine kleine Gruppe von Kindern und Jugendlichen. Sie tragen Muetzen, die auch ihr Gesicht verdecken und bestimmt drei Jacken übereinander. Ihre Arbeitsgeräte dienen ihnen als Sitzgelegenheit- Kästen, mit Schuhpuztcreme, Bürsten und Tüchern.
Mit diesen Kindern und Jugendlichen in der Situation der Straße arbeite ich zusammen.
Meine letzen Wochen vor meinem Abflug waren von Angst, Nervosität und schlaflosen Nächten gekennzeichnet. Bei dem Vorbereitungsseminar hatte ich gelernt, dass Angst vor einem Land nicht begründet sei, denn meist durch Vorurteile entsteht ein festgesetztes Bild in unseren Köpfen, dass in den meisten Fällen ganz und gar nicht der Wahrheit entspricht. Aber dennoch machten mich die Kommentare der Leute, wenn sie von meinem Auslandsjahr in Bolivien hörten, nervös. So etwas wie: "Pass bloß auf, dass du nicht an die Drogenmafia gerätst." oder "Du musst dir deine blonden Haare braun färben“. Auch gehört habe ich: "Alleine auf der Straße entlang laufen kannst du auf jeden Fall nicht machen." Und der beste Kommentar "Gibt es dort fließendes Wasser?" kann ich nicht nur als falsch bewerten, sondern es zeigt mir auch, dass Vorurteile viel zu sehr unsere Meinungen und Einstellungen gegenüber Neuem beeinflussen.
Mein Projekt ist eine Organisation, die Kinder bis14 Jahren aus schlechten elterlichen Verhältnissen und direkt von der Straße in Heimen aufnimmt. Die Kinder und Jugendlichen durchlaufen vier Etappen auf dem Weg zur Integration in das Alltagsleben und Unabhängigkeit-das bedeutet eine schulische Ausbildung, eigene Wohnung und einen festen Arbeitsplatz.
Ich bin im Haus Eguino im Norden der Stadt tätig, in dem Jungs der zweiten und der vierten
Etappe leben.
Sie haben ihren eigenen Alltag, in dem alles vom Aufstehen bis zum Schlafengehen strukturiert und geplant ist. Jeder hat seine Pflichten zu erledigen. Diese beginnen bei Küchenaushilfe, über Flur und Bad putzen bis hin zur Verantwortung und Einhaltung der Tischordnung/-normen.
Freitags ist Waschtag; danach kann man alle möglichen Kleidungen auf der Leine finden: Die Teamkleidung von einem Fastfood Restaurant, Schuluniformen, weiße Handschuhe der Straßenordner (hier in La Paz als Zebras verkleidet), aber auch weiße Hemden neben schwarzen feinen Hosen, derjenigen; von denjenigen, die in einem Büro arbeiten.
Das Prinzip funktioniert so, dass die Jungs der vierten Etappe teils arbeiten und die andere Hälfte des Tages zur Schule gehen. Keine leichte Angelegenheit, aber sie schaffen es, sich zu organisieren und letztendlich bietet es eine gute Vorbereitung für ihre Zukunft
Meine Aufgaben bestehen darin, etwas mit den Kindern und Jugendlichen zu unternehmen. Dazu gehen wir in Parks und spielen Fußball, backen Kekse und ich gebe Englisch-Unterricht. Manchmal sieht meine Arbeit jedoch so aus, dass ich nur anwesend bin und Zeit mit ihnen verbringe; wenn die Kinder beispielsweise mit ihren Treideln spielen oder nur Fernsehschauen möchten.
In unserem Projekt sind wir zurzeit sechs Freiwillige, das bedeutet, dass die Kinder und Jugendlichen ab und zu von den vielen Freiwilligen genervt sind, denn nur 33 Jungs leben im Eguino. Aber wir regeln das untereinander gut, so dass jeder seine eigenen Aktionen starten kann. Für die nächste Woche planen wir beispielsweise einen Filmabend. Viel zu viele Jungs in unserem Projekt wissen nicht viel über den zweiten Weltkrieg und besonders nicht über Hitler. Einige finden ihn toll, „weil er so stark war“. In solchen Momenten merken wir, dass höchstes Potenzial für Aufklärung besteht.
Ich fühle mich sehr wohl in La Paz. Der Trubel, Straßenlärm und doch das Wohlbefinden aufgrund der Gelassenheit und entspannten Sichtweise auf Probleme der Menschen hier, haben mich angesteckt.
Da ich in der Familie lebe, erfahre ich nicht nur eine Menge über das Stadtleben, sondern auch über Kulturen, Gebräuche und das Zusammenleben einer Familie hierzulande.
Die Religion, größtenteils ein Mix aus Christentum und Aymara, spielt eine entscheidende Rolle. Nicht nur, dass sie beispielsweise vor dem Essen beten, die Festtage auf religiösen Hintergründen beruhen und sonntags Kirchentag ist, sondern auch eine Kraftquelle. Dies beeindruckt mich sehr als Atheistin, vor allem in Bezug auf die Straßenkinder; in Moment, in denen sie zu Tränen gerührt sind während Gotteslehren. 

Aus einer Kleinstadt MeckPomms in die Millionenstadt La Paz ist bisher eine wunderbare Erfahrung.  Ich freue mich, noch weitere neun Monate hier erleben zu dürfen. Vielen Dank!

2 Kommentare:

  1. Hallo Anna, ich muss leider gestehen, dass ich nach Wochen mal wieder bei Dir vorbei schaue, aber nicht, weil ich keine Lust habe, im Gegenteil... Deine Mama hat mich gleich gerüffelt ;-)))
    Wir hoffen, es geht Dir gut, aber Deinen Berichten nach zu urteilen, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen - Du bist gut aufgehoben, das freut uns sehr!!!!
    Deine Fotos haben wir super gut gefallen, es muss ein schönes und interessantes Land sein...

    Sei ganz lieb gegrüßt von den Tredes aus Deiner Heimatstadt Neubukow!

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Familie Trede, ihr braucht euch wirklich keine Sorgen zu machen, denn mir geht es sehr gut!
    Ich wuensche euch frohe Weihnachten (:

    Liebe Gruesse, Anna

    AntwortenLöschen