2012-02-17

Fast ein halbes Jahr vergangen

Fuer unsere Organisation muessen wir einen Halbjahresbericht verfassen. Hier ist er:

Die Wochen vergehen wie im Fluge, montags beginnend mit der Versammlung im gemütlichen Büro von Alalay, um für Straßenarbeit zu planen und die vergangene Woche auszuwerten.   
Ich bin diesen Monat dafür verantwortlich, die Aktionen und Reflexionen zu planen. Das Thema lautet „Salud- Me amo y me cuido“, übersetzt Gesundheit- ich liebe und pflege mich.
Ich habe mit der Thematik Konsum angefangen. Diese jedoch nicht ohne Grund.
Zwei Chicos von der Arbeitsgruppe „Buenos Aires“ sind in den vergangenen Wochen gestorben. Einer, schon ein älterer Mann namens Felipe, an Herzversagen. Ein anderer, Pollito, so alt wie ich und bereits von dem Gedanken geleitet, sein Leben zu verändern, wurde von einem Auto angefahren. Er lag zuerst im Koma im Krankenhaus, später starb er. Sein Körper war zu schwach.
Mit jedem Mal, wann die Chicos und Chicas Kleber, Spiritus und/oder Benzin schnüffeln, könnte es ihr letzter Atemzug gewesen sein, so wie wahrscheinlich bei Felipe. Es ist egal, ob es das erste oder das 100. Mal ist. Mit jedem Drogenkonsum erreicht das Herz unzureichend Sauerstoff und somit schlägt es schneller sowie unregelmäßiger.
Der Geruchs- und Gehörsinn von Konsumenten von „Schnüffelstoffen“ wird schwächer. Manche schmecken nicht einmal mehr ihr Essen. Die Orientierungsfähigkeit geht verloren und auch Gedächtnislücken treten mit der Zeit immer häufiger auf.
Aber welche Alternativen haben diejenigen, die bereits abhängig sind? Auf der Straße lebend, die Kälte aushaltend und den Hunger unterdrückend. Man könnte den Kindern und Erwachsenen, die auf der Straße leben, erklären, dass es schlecht ist, was sie tun. Wir haben es ihnen in der letzen Straßenarbeit wie bereits berichtet vorgetragen und sie die Erklärungen auch verstanden. Aber ganz real betrachtet: Welchen Ausweg gibt es für sie?
Einige besitzen keine Personalausweise, das bedeutet Arbeit werden sie nur selten finden. Unterstützung vom Staat ist auch nicht zu erwarten- ganz im Gegenteil, wenn man den Umgang der meisten Polizisten mit ihnen in Anbetracht zieht. Und die Familien? Die meisten haben ihre Söhne und Töchter schon längst aufgegeben.
Ich wusste im Voraus, dass die Arbeit schwer sein würde. Aber mit dieser gewissen Hilfslosigkeit habe ich nicht so stark gerechnet. Auf der anderen Seite motiviert es mich jedoch noch mehr, mit den Kindern und Erwachsenen, die auf der Strasse leben, weiterzuarbeiten und ihnen Kraft zu geben.
Neben alldem gibt es dennoch Lichtblicke. Wenn zum Beispiel ein neuer Junge zu uns in das Kinderheim kommt, um dort zu leben und nicht mehr auf der Straße. Oder wenn jemand von unseren Arbeitsgruppen von der Straße doch eine Arbeit gefunden hat, eine Wohnung und nicht mehr vom Kleber oder Alkohol abhängig ist.
Doch die Straßenarbeit ist nur ein Teil meiner Tätigkeit. Mein Arbeitsalltag ist mittlerweile ziemlich vielseitig, aber dennoch rutiniert. Am Mittwoch arbeite ich im Büro von Alalay, um zu übersetzen und weitere Bürodinge zu erledigen. Am Dienstag arbeite ich komplett auf der Straße.
Donnerstag verfolge ich weiterhin das „Keksprojekt“, bei dem die Jungs und ich Cookies backen und ich sie am Freitag verkaufe, um ein bisschen Extrageld für Aktivitäten zu haben.
Außerdem gebe ich ein bisschen Englisch-und Gitarrenunterricht. Allgemein habe das Gefühl, mehr Verantwortung zu tragen. Ich hoffe, das bleibt auch so.
Auch mit den Arbeitern verstehe ich mich sehr gut, denn ich respektiere ihre Arbeit und finde es gut, wie sie im Team funktionieren. Allerdings wird Arbeitseifer nicht so sehr angesehen, wie vielleicht in Deutschland. Von der Koechin Medi kann ich noch vieles lernen, denn die bolivianische Kueche ist sehr interessant.
Was allerdings sehr falsch läuft, ist in gewisser Maßen die Wertschätzung der Freiwilligen. Das bezieht sich speziell auf die Kosten für das Mittagessen. Denn obwohl es keinen gravierenden Unterschied machen würde, würden wir Freiwilligen mitessen, müssten wir 25 Dollar monatlich bezahlen. Es spielt keine Rolle, ob wir nur zwei Tage in der Woche dort essen würden, nur die Hälfte der Portionen oder Vegetarier wären. Der Preis verändert sich nicht, auch nicht nach Gesprächen von ICYE mit Alalay oder nach Versuchen unsererseits.
Aber der Kühlschrank meiner Gastfamilie ist niemals leer.
Ich fühle mich wirklich wohl. Alle sind sehr offen, ich habe meine Freiheiten aber auch Grenzen und bekomme einen Einblick in den Alltag einer bolivianischen Familie, wenn auch mehr oder weniger der „oberen Klasse“.
Das klingt sehr hart- aber leider spiegelt sich eine Klassengesellschaft in der bolivianische Realität wieder. Bemerkbar wird dies in der Wahl der Schulen und Universitäten, ob privat oder nicht; den Wohnvierteln- Süden (wärmer) ehr reich oder Norden (Richtung El Alto) ärmer, der Religion- Pachamama ehr von den ärmeren Bevölkerung.

Die Mentalitaet und Kultur der Bolivianer macht das Land einzigartig. Zum Beispiel gibt es bis zu 230 traditionelle Taenze und jeder davon seine eigene Entstehungsgeschichte. In keinem anderem suedamerikanischem Land findet man so viele Cholitas auf den Strassen an und nirgendswo sonst sieht man Menschen als Zebras verkleidet auf der Strasse, die den Verkehr regeln.
Auch wenn ich mein Zuhause vermisse, bin ich sehr gluecklich, hier zu sein.

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